Dr. Lorenzo Lagostina
Über
Lorenzo Lagostina ist ausgebildeter Molekularbiologe. Er strebt danach, das Zusammenspiel zwischen der mikrobiellen Welt und ökologischen Dynamiken besser zu verstehen und untersucht, wie sich Leben und Umwelt kontinuierlich gegenseitig formen. Während seiner Promotion in Umweltmikrobiologie an der ETH Zürich untersuchte er mithilfe multivariater statistischer Ansätze, welche Umweltfaktoren mikrobielle Gemeinschaften in ozeanischen Sedimentproben mit geringer Biomasse strukturieren.
Der zunehmende Druck auf natürliche Ressourcen und die anhaltende Biodiversitätskrise lenkten sein Interesse auf die Frage, wie vom Menschen verursachte Umweltveränderungen die Zusammensetzung von Tiergemeinschaften sowie deren viralen und mikrobiellen Gemeinschaften beeinflussen. In seiner Forschung untersucht er, wie der Wandel des Lebensraums die Verbreitung und Diversität kleiner Säugetiere – insbesondere Fledermäuse und kleine terrestrische Säugetiere – prägen und wie sich diese Veränderungen wiederum auf das Vorkommen und die Ausbreitung von Krankheitserregern auswirken. Sein Ansatz basiert auf der Analyse natürlicher Systeme, die als „Landschaftslabore“ dienen können: Am Beispiel menschengemachter Veränderungen erforscht er, welche ökologischen Prozesse Spillover-Ereignisse beeinflussen.
Im Jahr 2020 schloss er sich der Arbeitsgruppe von Fabian Leendertz am Robert Koch-Institut an, um diese Fragen direkt zu verfolgen. Dort koordinierte er die Aktivitäten des BIODIV-AFREID-Projekts in Côte d’Ivoire, wo er gemeinsam mit Dr. Leonce Kouadio vier aufeinanderfolgende Jahre lang Feldprobenahmen (2021 bis 2024 – kleine Säugetiere und Umweltproben) im Taï-Nationalpark und den umliegenden Dörfern aufbaute und leitete. Nach dem Wechsel der Gruppe an das neu gegründete Helmholtz-Institut für One Health koordinierte er im Rahmen des BCOMING-Projekts weiterhin die dortigen Feld- und Laboraktivitäten.
All dem liegt ein grundlegendes konzeptionelles Dilemma zugrunde: Biodiversität wird häufig als Indikator für Umweltgesundheit verwendet, doch artenreichere Ökosysteme sind hinsichtlich zoonotischer Risiken nicht zwangsläufig sicherer. Wie gut können bestehende Biodiversitätsindizes tatsächlich die wichtigsten Dimensionen von Umweltgesundheit erfassen? Seine Arbeit setzt sich kritisch mit diesen Fragen auseinander – dafür vergleicht er Indizes, passt Erhebungsmethoden an spezifische Forschungsfragen und Zielgruppen an und hinterfragt, ob unsere aktuellen Messgrößen wirklich zweckmäßig sind.
Gemeinsam mit Dr. Livia Patrono ist er für den Output IV des vom BMBF geförderten INFORBIO-Projekts verantwortlich – einer stark interdisziplinären Initiative unter Leitung des WWF Deutschland, die darauf abzielt, die Lebensbedingungen indigener lokaler Gemeinschaften in abgelegenen Regionen Kameruns und der Zentralafrikanischen Republik zu verbessern. Das HIOH ist in diesem Projekt für die Etablierung eines Frühwarnsystems für Zoonosen verantwortlich.
Darüber hinaus leitet er die Feld- und Laborarbeiten des von der Volkswagen Stiftung geförderten Projekts BehaviorChange – eine Zusammenarbeit unter anderem mit der Tierärztlichen Hochschule Dakar, der Universität Abidjan und dem Senckenberg Museum Görlitz. Ziel des Projekts ist es, den Konsum von Wildfleisch (Bushmeat) und damit verbundene Krankheitsrisiken in Côte d’Ivoire und Liberia mithilfe von eDNA-Ansätzen zu erfassen.